Alentejo

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Saudades, só portugueses / Saudades, nur Portugiesen
Conseguem senti-las bem / Können dieses Gefühl kennen
Porque têm essa palavra / Weil nur sie dieses Wort besitzen
Para dizer qu as têm. / Um es beim Namen zu nennen.
(Fernando Pessoa, Quadras ao gosto popular)

Die Saudade gehört zu Portugal wie der Fado oder die Seefahrerlegenden. Das Gefühl zwischen Sehnsucht, Melancholie und Einsamkeit steht für eine positive Verbindung zu anderen Menschen. Doch ist tatsächlich nur ein gebürtiger Lusophone fähig, die Saudade in all ihren Facetten zu empfinden, zu verstehen? Das Wort an sich mag unübersetzbar sein, das bezeichnete Gefühl jedoch ist universell erlebbar. Um es hautnah zu erleben, eignet sich eine Reise in die Region des Alentejo im Süden Portugals besonders gut. Hier zwischen Ebenen und Hügelketten, zwischen Atlantik und Spanien, zwischen Gastfreundschaft und Abgeschiedenheit bekommt man ein Gespür für die Emotionen, die als Saudade seit Jahrhunderten das portugiesische Herz bewegen. Vamos lá!

Die Bezeichnung „Alentejo” bedeutet auf Portugiesisch „Land jenseits des Tejo”. Die Region befindet sich südlich des mit einem Lauf von 1007 km größten Flusses der Iberischen Halbinsel, welcher in Lissabon in den Atlantik mündet – kurz gesagt es geht um den Süden Portugals ohne die Algarve. Die Região Centro, Região de Lisboa und die Região do Algarve sind die Nachbarregionen im Norden, Westen und Süden. Im Osten wird der Alentejo vom Atlantik eingerahmt, im Westen grenzt er an Spanien. Zur Region gehören die Distrikte Portalegre, Évora und Beja sowie die südlichen Abschnitte von Setúbal und Santarém. Unterregionen sind zudem der Alentejo Central, Alentejo Litoral, Alto Alentejo und Baixo Alentejo.

Geografische Lage

Flächenmäßig umfasst der Alentejo beinahe ein Drittel der Gesamtfläche des portugiesischen Festlandes, weist jedoch die mit Abstand geringste Bevölkerungsdichte des Landes auf. Landschaftlich begeistert die Region mit einem spannenden Mix aus weiten Ebenen und Hügelketten wie Marão und São Mamede. Ein Klima sorgt für heiße Temperaturen im Sommer und vergleichsweise kühle Winter, wobei die Bandbreite von einem maritimen bis zu einem Kontinentalklima verschiedene klimatische Verhältnisse beinhaltet. Typisch für die regionale Vegetation sind Korkeichen, Olivenbäume und Eichen, die mancherorts in den letzten Jahren von Eukalyptusbäumen abgelöst wurden. Kühe, Schweine und Ziegen weiden traditionell in dieser Region, die ihren vollen Reiz im Rhythmus der Jahreszeiten entfaltet. Während der ersten Jahreshälfte zeigt die Natur des Alentejo ein reizvolles Farbenspiel: Im Frühling blumenübersäte Wiesen, grüne Weideflächen und blühende Mandelbäume; im Sommer gold leuchtende Kornfelder …und natürlich Weinberge.

Historisches Alentejo

Das Gebiet blickt auf eine lange, bis in die Frühgeschichte und die Römerzeit zurückgehende Siedlungsgeschichte zurück. So begeistern Besucher heute auch die zahlreichen Spuren prähistorischen, römischen und maurischen Lebens. Dolmen, Tempel, Burgen, Kirchen, Paläste – eine unglaubliche Fülle an sehenswerten historischen Gebäuden bietet genug Stoff für eine ausgedehnte Rundreise. Neben vielen anderen Stätten sind die Felsgravuren in der Escoural-Höhle, die Ruinen der Römerstadt Miróbriga inklusive des einzigen vollständig erhaltenen Hippodroms Portugals, die mittelalterliche Burg von Evoramonte und die Königsresidenz Estremoz einen Besuch wert. Die Städte Elvas und Évora gehören beide zum Unesco Weltkulturerbe. Auch in Santarém, Portalegre, Beja oder in den alten Judenviertel, zum Beispiel in Castelo de Vide, wird die Vergangenheit lebendig gehalten. Wandern, Radfahren, Reiten oder Surfen – auch für Aktivurlauber bietet der Alentejo viel. Den Parque Natural do Sudoeste Alenteiano und die Costa Vicentina dürfen Sie nicht verpassen. Abschließend genießen Sie am besten ein Essen in einem traditionellen alentejanischen Restaurant. Wie wäre es mit Carne de Porco alentajana? Ein typisches Gericht der Region mit Schweinefleisch, Muscheln, Kartoffeln und Koriander. Und dazu ein Glas Wein, denn…

Weinanbau in der Region Alenjeto

…der Alentejo ist längst nicht mehr nur als weltweit führender Korklieferant oder als die Kornkammer Portugals bekannt, sondern erfreut sich auch einer wachsenden Bekanntheit als DOC Weinanbaugebiet, Nach der von Militärs angeführten Revolution von 1974 und 1975 und der folgenden Kapitalnot vieler Winzergenossenschaften, lieferte der Weinbau im Alentejo Anfang der 1980er Jahre kaum Qualitätserzeugnisse. Doch bereits ein Jahrzehnt später machten sich fünf Weinbau-Enklaven einen Namen. In Portalegre, Borba, Redondo, Reguengos de Monsaraz, Granja und Vidigueira existierten bereits in den 1960er und 1970er Jahren mit staatlicher Unterstützung gebaute Genossenschaftskellereien. Diese konnten jetzt mit Hilfe der Europäischen Union neben dem lokalen Markt auch das Exportgeschäft für sich entdecken. Man begann das Potential des Alentejo wieder auszuschöpfen; so produzierten auch an ihre früheren Besitzer zurückgegebene Weingüter neue Weine. Zu erwähnen ist aber, dass nur ca. 22.000 ha Fläche für den Weinbau zu Verfügung stehen und Mischbetriebe im Alentejo nach wie vor keine Seltenheit sind.

Die Weinregion des Alentejo wird in acht Anbauregionen aufgeteilt: Borba, Évora, Granja-Amareleja, Moura, Portalegre, Redondo, Reguengos, Vidigueira. Das trockene, mediterrane Klima bedingt trockene, warme bis heiße Sommermonate, aber auch milde, sonnenreiche Winter, wobei die Nachttemperaturen hier kühler ausfallen können. Das Kontinentalklima im Landesinneren ist durch eine geringe Niederschlagsmenge sehr trocken, weshalb durch Bewässerung ergänzt wird. Da im Sommer oft Temperaturen von 35° C bis 40° C erreicht werden, müssen die lesereifen Trauben bereits Ende August bis Anfang September verarbeitet werden. Die Bodenverhältnisse werden durch steinige, mineralische Böden aus Schiefer, Granit oder Quarziten definiert. Da sich der Weinbau im Alentejo durch Investitionen, Modernisierungen sowie neue Spielarten des Anbaus und der Kellertechnik weiter entwickelt hat, hat er sich den Beinamen „Kalifornien Portugals” verdient.

Weine der Region

Die Rotweine erreichen eine sehr gute Qualität, wohingegen die Weißweine bisher nicht sonderlich viel Beachtung bei Experten und Händlern finden. So dominieren die Rotweine, auch was den Ertrag pro Jahr angeht, ganz klar das Weingeschäft der Region. Die gereiften roten Trauben ergeben fruchtig-reife, kräftige, samtige Rotweine. Die meisten Weine werden als DOC Alejento oder als Vinho Régional Alentejana vermarktet. Unter Experten werden die vorhandenen erstklassigen einheimischen Rebsorten wie Aragonez, Trincadeira oder Alicante Bouschet geschätzt. Daneben werden auch exotischere Sorten wie Syrah oder Cabernet Sauvignon kultiviert. Die Dörfer Borba, Redondo, Reguengos und Vidigueira haben eine lange Tradition mit ihren nach ihnen benannten Weinen.

Drei bekannte Weingüter

Weinliebhaber sollten sich folgende Adressen merken: Das Weingut João Portugal Ramos wurde 1998 erbaut, liegt in der Nähe von Estremoz und ist eines der bekanntesten Weingüter ganz Portugals. Sein Namensgeber ist nicht nur als Winzer erfolgreich, sondern ist auch als Berater in anderen Weingebieten Portugals sowie als Kenner der internationalen Weinszene gefragt. Sein Marquês de Borba Reserva wird als Legende des portugiesischen Rotweins gehandelt. Auf dem Weingut Herdade de Mouchão, 1901 gegründet, nach wie vor im Besitz der Familie Reynolds, legt man Wert auf Traditionen. Hier werden alle Reben manuell geerntet, mit den Füßen zerstampft, in den Lagares vergoren und in großen Eichen- und Mahagoniholzbottichen ausgebaut. Das Weingut wurde nach der Zerstörung während der Revolution von 1974 neu bestockt und wiederhergestellt. Dreh- und Angelpunkt der Produktion ist die Rebsorte Alicante Bouschet. Die Adega Cooperativa de Borba wurde 1955 gegründet und war damit die erste Winzerkooperative im Alentejo. Über 300 Winzer sind der führenden Genossenschaftskelterei bis heute beigetreten. Dank EG-Mitteln wurden u. a. ihre Edelstahltanks und Eichenfässer modernisiert. Produziert wird ein beachtenswerter roter Vinho do ano und sehr guter Reserva.

Lebenskultur, Architektur, Kulinarik, Musik, Handwerkskunst – im Alentejo werden alte Traditionen mit Liebe und Leidenschaft gepflegt. Trotz moderner Techniken finden sich in der Region wie bereits erwähnt auch Spuren des historischen Weinanbaugebietes, welche einen ganz besonderen Charme versprühen. So wird der Wein teilweise in alten Steinkrügen ausgebaut und die Weintrauben werden auf einzelnen Weingütern noch mit bloßen Füßen gestampft. Wer seine Weinreise für Mitte August bis September plant, hat dank eines sorgfältig durchdachten Enoturismo mancherorts die Chance, bei der Weinlese und dem Stampfen der Trauben mitzuhelfen. Zu dieser Zeit beginnen auch die vielen Weinfeste des Alentejo. Besondere Empfehlung: das einwöchige Weinfest in Borba, die Festa do Vinho e da Vinha.

Ein weiteres Highlight für Weinliebhaber ist die Rota dos Vinhos do Alentejo. Die Weinstraße des Alentejo wird gesäumt von einer Fülle großartiger Sehenswürdigkeiten, einer atemberaubenden Landschaft und natürlich jeder Menge feinen Weines. Die Weinkellerei Herdade do Esporão in der Nähe von Reguengos de Monsaraz lädt, wie andere Weingüter auch, vinophile Gäste zu einer interessanten Tour mit anschließender Verkostung ein. Bei Voranmeldung kann man die meisten Winzer auch außerhalb der Weinernte fast das ganze Jahr über besuchen und ihre Weine verkosten. Etliche Winzer bieten inzwischen auch Restaurants und Gästezimmer an.

Der Alentejo wird als Weinregion oft unterschätzt und verdient mehr Beachtung. Die Region ist auf jeden Fall eine (Wein-)Reise – oder Weinprobe – wert. In diesem Sinne…Saúde!

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